so war’s: Fachforum Umgang mit Aggressionen….

Mai 8th, 2014 | By | Category: Allgemein

schreiender Mann… bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum

Methodische Ansätze im Umgang mit Fremd- und Autoaggression kennenlernen: das wollten Eltern, LehrerInnen, SchulbegleiterInnen und andere pädagogische Fachkräfte am Montag Abend bei einem Vortrag von Marco Tiede (Asperger Schulbegleiter, Therapeut am Autismustherapiezentrum Buntentor in Bremen). Dieser betonte zunächst, dass jede Aggression ein Versuch ist, zu kommunizieren. Dazu ist es wichtig hinter das eigentliche Problemverhalten zu schauen und selbiges im Vorfeld zu vermeiden z.B durch Anwendung des Konzeptes der Positiven Verhaltensunterstützung oder durch Ansätze nach TEACCH.

Anschließend konnten Fragen gestellt und das Plenum zum Austausch genutzt werden. Ein Vater erzählte von den Herausforderungen in der Betreuung seines knapp 30 jährigen Sohnes, der immer nur bei einer bestimmten Betreuungskraft in einer Gruppensituation ohne erkennbaren Grund „ausrastet“ und dabei auch fremdgefährdend agiert. Er fragt sich verzweifelt, wovon diese Gewalttätigkeit ausgelöst wird. Bedenklich findet der Vater auch die Medikamentenvergabe an den Sohn, die als Nebenwirkung unter anderem starke Müdigkeit auslöst. Natürlich ist keine Ferndiagnose ohne nähere Fallkenntnis möglich, aber Marco Tiede kann Anregungen geben und Fragen stellen: Was hat sich im Umfeld, in der Gruppe des Sohnes eventuell verändert? Wurden organische/physische Ursachen ausgeschlossen? Eine einseitige Medikamententherapie ist meist nicht ausreichend. Er empfiehlt, in solch unvermittelt auftretenden Fällen zu prüfen, ob eine Änderung im Betreuungssetting zur Verbesserung der Situation führt.

Eine pädagogische Fachkraft thematisierte die Schwierigkeit, bei einem Jungen mit autistischen Zügen die Grenze zwischen Unter- und Überforderung zu finden. „Oft stellt sich bei mir als Betreuerin eine Schuldfrage wenn er sich an den Kopf schlägt – habe ich ihn gerade unter- oder überfordert?“ Schuldgefühle sind fehl am Platz! Denn hier findet schon ein Beziehungsaufbau statt, das Kind kommuniziert damit auf seine Weise. In einer solchen Situation kann man dem Kind eine Auszeit anbieten, aber keine Belohnungssituation schaffen. Versuchen, inne zu halten und den Faden später wieder aufnehmen.

Eine Mutter beschreibt, dass in der Schule oft die Methode des „Anzählens“ angewendet wird: Wenn das Kind aggressiv agiert, wird es angezählt. Die Konsequenz bei andauerndem Aggessionsverhalten ist dann, dass dem Kind etwas von der Spielzeit gestrichen wird, die ihm im Schultag zur Verfügung steht und von dem Kind als wichtig empfunden wird. Wie auch immer man zu dieser Methode stehe – zu Hause funktioniere das in keinem Fall. Von Konflikten im Dreieck unterschiedlich handelnder Personen (Eltern- Lehrer-Schulbegleiter) sprach sie auch, sowie von ihrer Sorge, für ihr Kind manchmal nicht richtig zu „dolmetschen“.

Auslöser für Aggressionen bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum  können, so Marco Tiede, oft die banalsten Anlässe sein:

Das neue Parfum einer Betreuungskraft, eine Schulkameradin würfelt eine Fünf und ruft „Vier“, eine Straßenbahn-Haltestelle wird umbenannt: einen Autisten wirft sowas aus dem Konzept. Auch, wenn über das Kind Gespräche geführt werden und dieses mitbekommt, dass über es gesprochen wird. Wenn ein aggressiver Schub kommt, hilft es manchmal, eine absurde Situation herbeizuführen oder zu unerwartetem Handeln aufzurufen – „Hey sing doch mal das Lied XY!“  oder „Hast du gerade den Vogel dort drüben gesehen?“ Ablenkung hilft oft, so Tiede. Schlecht ist meist, wenn man zu sehr auf das sich gerade abspielende Drama eingeht…

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