Rückblick Fachtag Grenzgänger

Jul 1st, 2013 | By | Category: Allgemein

Grenzgänger zwischen Jugend- und Behindertenhilfe.

Neue Perspektiven für junge Menschen mit erhöhtem psychosozialen Unterstützungsbedarf | neue Herausforderungen für Betreuungssysteme.

Die Fachtagung fand statt am 21.06.2013 in Bremen (m|Centrum, Martinsclub Bremen e.V., Buntentorsteinweg 24/26, 28201 Bremen). Sie erfolgte in Kooperation zwischen

Martinsclub Bremen e.V. | Diakonische Jugendhilfe Bremen (Jub) | Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen, Bremen | faspektiven e.V. (Verein, der Betreuungskonzepte für Erwachsene mit FASD entwickelt und begleitet)

[Info: Hier finden Sie einen verkürzten Rückblick auf die Fachtagung. Eine ausführliche Tagungsdokumentation wird derzeit noch erstellt; sie wird voraussichtlich im Herbst 2013 zu erhalten sein. Wenn Sie ein gedrucktes Exemplar bestellen möchten, kontaktieren Sie bitte das m|colleg per E-Mail. Die Präsentationen der Referenten sowie weitere Infos zu Nachhaltigkeitsrunden etc. finden die TeilnehmerInnen der Tagung bereits vor Erscheinen der Dokumentation im passwortgeschützten Teilnehmer-Bereich]

Cool blickender Jugendlicher Mann vor Graffiti

Zum hier verwendeten Begriff des „Grenzgängers“

Unter verschiedenen Aspekten/Perspektiven wurde die Personengruppe sogenannter „Grenzgänger“ oder „Struktursprenger“ in den Fokus gestellt: in diesem Kontext verstanden die Veranstalter Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 18-30 Jahren mit psychosozialen Beeinträchtigungen, Lernschwierigkeiten, einer leichten geistigen Behinderung oder einem häufig nicht eindeutig diagnostiziertem fetalen Alkoholsyndrom (FASD) – einem Syndrom, das beim Fötus entstehen kann, wenn die Mutter während der Schwangerschaft Alkohol konsumierte.

Die Vorträge und Workshops richteten sich an drei Schwerpunkten aus:

1) „Strukturen“: strukturelle Herausforderungen im Zusammenspiel zwischen Behörde/Amt, Jugendhilfe und Behindertenhilfe bei längerfristiger Unterstützung (SGB VIII und SGB XII)

2) „FASD“ (Fetale Alkoholspektrumsstörung/fetales Alkoholsyndrom) als ein spezielles unter vielen Beispielen für „Grenzgänger“

3) „Arbeitswelt“

 

zu 1)

Die Personengruppe der Grenzgänger „schwimmt“, so wird es zumindest häufig seitens der Jugend- und auch der Behindertenhilfe empfunden, in einer „Grauzone der Zuständigkeiten“ und erfordert hinsichtlich Betreuungsintensität und Vielfalt der Unterstützungsformen ein hohes Maß an Flexibilität, damit ihnen ein möglichst selbstbestimmtes Leben und die größtmögliche Teilhabe an der Gesellschaft zukommen kann. Das Koordinieren bedarfsgerechter Übergänge bei langfristiger Betreuung gestaltet sich jedoch an manchen Stellen scheinbar schwierig: fallen die Personen aus dem Zuständigkeitsbereich der Jugendhilfe (meist im Alter von 18,-20 Jahren, selten ist die Betreuung durch die Jugendhilfe bis zum 27. Lebensjahr möglich) heraus, geschieht dies häufig sehr abrupt und allzu oft ohne ausreichend pädagogisch begleitete Übergangszeit zum nachgelagert zuständigen Träger, beispielsweise der Behindertenhilfe. Diese wiederum sieht sich damit konfrontiert, ad hoc Wohn-, Betreuungs- und Arbeitsstrukturen aufbauen und dabei häufig gefühlt wieder „von Neuem“ beginnen zu müssen; Hinzu kommt das Unbehagen der Klienten hinsichtlich des Labels „behindert“ oder „psychisch beeinträchtigt“, das sie jedoch offiziell benötigen um nicht ins Bodenlose zu fallen und weiterführende Unterstützung zu erhalten.

Einen guten Einstieg in die Komplexität der Situation der „Grenzgänger“ bot  Dr. Ernst Wüllenweber (Martin-Luther-Universität Halle & ifbfb Berlin), Leiter des ersten bundesweiten Forschungsprojektes zum Thema; er brachte den Teilnehmenden den Unterstützungsbedarf dieser Personengruppe sowie Forschungsergebnisse näher:

Er sieht die Behindertenhilfe mittlerweile als Auffangbecken verschiedenster Personenkreise und erkennt eine damit einher gehende, weitreichende Diffusion der Begriffe und Diagnosen.  Festhalten lässt sich, dass die Personengruppe der Grenzgänger eine Komplexproblematik jenseits der klassischer Diagnosen von „Behinderung“  oder psychischer Beeinträchtigungen auf verschiedenen Ebenen zeigt: kognitiv, motivational, emotional, soziale Kompetenzen, Lebensbewältigung, Verhalten. Es besteht sowohl die Gefahr der Unter- als auch der Überschätzung.

Die Merkmale dieser Personengruppe sind also heterogen, wenn auch bestimmte Muster wiederkehren: Einige zeigen verminderte Frustrationstoleranz, emotionale Unreife, wenig Ausdauer, verminderte Impulskontrolle, Distanzlosigkeit, Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen; Häufig ist der Beziehungsaufbau schwierig, es kommt zu Regelverletzungen durch das Betreuungspersonal gesetzter Regeln, Drogen/Alkoholkonsum und Konfrontationen mit dem Gesetz durch delinquentes Verhalten. Sie lassen sich auch leicht von scheinbaren Freunden ausnutzen und für kriminelle Delikte „vorschicken“. Die Personen fallen in vielen Fällen dennoch anfangs nicht besonders auf, da sie z.B. im Kinder- und Jugendalter häufig vergleichsweise gute sprachliche Kompetenzen besitzen.

Die Problematik dieser Personengruppe würde Wüllenweber zufolge künftig verstärkt im sozialen/gesellschaftlichen Kontext verortet werden müssen und nicht mehr vordergründig bei der individuellen Beeinträchtigung.

Die Kostenträger verkürzten den Hilfebedarf oft auf die Vermittlung von Arbeit und es bestünden zusätzlich Abgrenzungsprobleme der Hilfesysteme -Behindertenhilfe, Jugendhilfe, Jugendberufshilfe, Psychiatrie..

„Drehtür-Effekt“: kommt hinzu

In einem Beispiel einer 23 jährigen Frau, das Bernd Schmitt (Geschäftsführung und Pädagogische Leitung Jub – Diakonische Jugendhilfe Bremen) im Rahmen eines Fachgesprächs zwischen Jugendhilfe, Behindertenhilfe und Behörde (Workshop 5) brachte, konnten 24 verschiedene Maßnahmen und Aufenthalte (im Rahmen der „Hilfen zur Erziehung“) in Einrichtungen Bremens und außerhalb Bremens gezählt werden. Es wechselten sich Abbrüche der Maßnahmen, Wiederaufnahmen, Rückkehr ins Elternhaus etc. bei der jungen Frau ständig ab. Gründe für die Abbrüche: Aggression gegen Sachen, Mitarbeiter und Mitbewohner; Diebstahl, selbstverletzendes Verhalten; Brandstiftung, soziale Verwahrlosung, Phantasiegeschichten…

Problemaufriss und Forderungen aus Sicht der Behindertenhilfe (hier speziell vertreten durch Simon Brukner (Quartier|Wohnen) und Thomas Bretschneider (Vorstand), beide Martinsclub Bremen e.V.):

– „Wir fangen immer wieder von vorne an!“ – Die Aufnahme von Klienten aus dem Jugendhilfebereich erfolgt fast immer ohne strukturierten Übergang – Mangelhaftes Übergangsmanagement fördert unflexible stationäre Angebotsformen

– Es bedarf grundsätzlich individueller Interventionsmöglichkeiten bis hin zum Streetworker. In jedem Fall beziehungsorientierte Betreuungssettings.

– Es bedarf individueller sozialraumorientierte Konzepte, weniger strukturell geprägte Konzepte (Grenzgänger lehnen das Label „Behinderung“ ab, wollen nicht in Werkstätten für Behinderte Menschen arbeiten, wollen nicht in Wohneinrichtungen wohnen, wo sie mit stärker beeinträchtigen Personen in direkter Verbindung stehen…) Chancen in der Behinderhilfe eröffnen sich in ambulanten, weniger zielgruppenorientierten Angebotsformen ohne Etikettierungen

-> Wohnumfelder und Betreuungssettings ohne Etikett und mit „normalen Vorbildern“

– die Lösungen dürfen im Sinne hilfebedarfsgerechter Unterstützung keine „selbstgestrickten“ Vorleistungen der Träger sein, sondern es bedarf konzeptionell und strukturell notwendiger Leistungen, die im Rahmen der Leistungserbringung vergütet werden müssen.

Statements während der Abschlussdiskussion:

Dr. phil.habil. Ernst Wüllenweber: „Mich hat heute hier gewundert, dass Sie in Bremen diese Abgrenzungsprobleme und rechtlichen Fragen im Vordergrund zu haben scheinen. Bei anderen Tagungen zum Thema Grenzgänger war dies immer eher ein Randthema – da ging es vielmehr um konzeptionelle Fragen oder Ursachen des Grenzgänger-Phänomens. Ist das vielleicht ein spezielles Problem des Stadtstaates?“

Bernd Schmitt (jub): „Als Jugendhilfe-Vertreter begreife ich die Tagung heute als Aufschlag um hier in Richtung verbesserte Kooperation etwas in Gang zu setzen. Konzeptionelle Ansätze müssen folgen. Was die Strukturen angeht, stehen wir heute hier noch am Anfang.“

Thomas Bretschneider (Martinsclub Bremen e.V.): „Es gibt gute Einzelfall-Lösungen, aber keine breiter anwendbare Struktur. Es wäre schön, wenn die Leistungsträger den Kontakt im konzeptionellen Bereich mit den Kostenträgern, also den VertreterInnen des Amt für Soziale Dienste / der Senatorischen Behörde wieder stärker aufnehmen könnten.“

 

2) FASD

Fetale Alkohlspektrumsstörungen sind als Sammelbegriff zu verstehen und bezeichnen keine Diagnose. Der Sammelbegriff umfasst unterschiedlichste Ausprägungsmuster, die sich durch pränatale Alkoholexposition beim Fötus ergeben können und die sich Dr. med Heike Hoff-Emdens (Chefärztin KMG Rehabilitationszentrum Sülhayn) Vortrag zufolge auf drei Merkmalsbereiche beziehen:

-Prä- oder Postnatale Wachstumsminderungen

– Faziale Dysmorphien (z.B. ein schwach ausgepräges Philtrum)

– Störungen des Zentralen Nervensystems

Bei FASD liegen Störungen in allen funktionalen Bereichen des Gehirns vor: Störungen der Aktivationseinheit, der Aufnahme, Verabeitung und Speicherung von Informationen, von planung, Ausführung und Kontrolle des Verhaltens…Die Auffälligkeiten im Gesicht bilden sich mit der Zeit zurück, die neurologischen und psychatrischen Auffällikgkeiten bleiben bestehen.

FASD ist Hoff-Emden zufolge das häufigste angeborene Syndrom und dabei zu 100% vermeidbar. Die meisten der Kinder und Jugendlichen, die sie in ihrer Rehaklinik betreut, leben in Pflegefamilien (74%, eigene Erhebung Hoff-Emden) oder in Heimen (26 %), keines der von ihr begutachteten Kinder lebt bei der Ursprungsfamilie.

Probleme, die sich in Pflegefamilien unter anderem ergeben:Überforderung durch das uneinsichtige, impulsive Verhalten der Kinder, Gefühl der Enttäuschung und getäuscht worden zu sein durch mangelnde Aufklärung über das Syndrom, unzureichende Unterstützung durch das Jugendamt, „Ärzteodyssee“, Erfolgsdruck und unrealistische Ziele bezüglich der Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder.

Bei unerkanntem FASD/pränataler Hirnschädigung durch Alkohol, häufig hinzu kommender Vernachlässigung / Misshandlung in der Ursprungsfamilie, später folgenden Beziehungsabbrüchen, Verhaltensauffälligkeiten, dem Nicht-Erlangen eines qualifizierten Schulabschlusses, ggf. hinzu kommendem Alkohol- und Drogenmißbrauch / strafrechtlich relevanten Delikten drohen für die betroffenen Personen Armut und fortgesetzte gesundheitliche Schäden. Als wichtigste Ressourcen erachtet Hoff-Emden daher neben einem stabilen Bezugssystem für die Betroffenen eine frühe Diagnose.

Hoff-Emdens Statement während der Abschlussdiskussion:

„Das Springen über Berufsgruppen hinweg und die Vernetzung aller relevanten „Player“ zur (lebenslangen) Unterstützung der Grenzgänger bzw. der Menschen mit FASD ist wichtig.“

 

zum Themenbereich 3) „Arbeit“ siehe kommende Tagungsdokumentation!

Die Fachtagung hatte zum Ziel, einen gemeinsamen Diskurs unter Beteiligung möglichst vieler in dieser Thematik involvierten Knotenpunkte und deren weitere Vernetzung anzuregen. Als „Kick-Off-Veranstaltung“ sollen aus den sich hier ergebenden Erkenntnissen sowohl Fortbildungen entwickelt als auch „runde Tische“ initiiert werden, bei denen mögliche Strategien und Konzepte anhand der Frage, wie die Übergänge zwischen den entscheidenden Lebensphasen für die betroffenen Personen besser gestaltbar werden, nachhaltig bearbeitet werden sollen. Es haben sich auf dem Fachtag zahlreiche interessierte Personen als „Mitmacher und Dranbleiber“ eingeschrieben, sodass zu hoffen ist, dass sich hier ein fortgesetzter Dialog ergibt. Die Voraussetzungen dazu sind gut, da durch die Kooperationspartner (s.o.) zur Tagung bereits viele der wichtigen Unterstützerkreise „im Boot“ waren (Senator. Behörde, AfSD, Jugendhilfe, Behindertenhilfe) und unter den TeilnehmerInnen auch engagierte Angehörige bzw. Pflegeeltern waren, die solche Runden bereichern.

Interessieren Sie sich für Fortbildungen zum Thema  oder möchten Sie an den geplanten „Nachhaltigkeitsrunden“ teilnehmen? Dann melden Sie sich per E-mail im m|colleg!

 

 

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